Das erste Mal, als der Kapitän Haddock (Ex-Offizier der Frachtmarine) in "Die Krabben mit den goldenen Scheren" erscheint, wird er uns als extremer Alkoholiker dargestellt: Hilflos und verzweifelt, allein und gefangen. Merkwürdigerweise ist er auch wie Tim in einer komplizierten Lage: Beide werden von Alan festgehalten! Haddock ist ebenso allein und scheint zunächst wie Tim, keine Familie zu haben!

Tim beschützt den Kapitän trotz seiner eigenen, schwierigen Lage vor Alan und entscheidet, mit Haddock zu flüchten. Tim wird so als der Retter dargestellt, und viele Alben später gibt ihm den Kapitän das, was Tim nie hatte: eine Familie. Als Tim mit dem Rettungsboot flüchtet, kennt er kaum seinen neuen Freund und trotzdem hat er volles Vertrauen zu ihm! Er geht sogar soweit, daß er dem Kapitän Haddock mehrmal seine gefährlichen Aktionen vergibt: das Anzünden des Boots, die Schlacht im Flugzeug und dann in der Wüste...

Wieso nur muß sich Tim so plötzlich mit einem Unbekannten einlassen? Sucht er in seinem Unterbewusstsein eine Person, einen Begleiter, eine Art Familienmitglied? Wie man später der Entwicklung des Kapitäns entnehmen kann, ist dies Tim sehr wohl gelungen! Zufällig erweist sich der Kapitän als Mitglied einer sehr reichen Familie. In "Das Geheimnis der Einhorn" erforscht der Kapitän die Geschichte seiner Vorfahren. Tim nimmt die Sache ganz ernst und entschliesst sich, dem Kapitän zu helfen, besonders als feststeht, dass es auch um einen Schatz geht. Das erste (und auch das einzige) Mal in den Alben, bei dem Geld im Spiel ist.

Die Überraschung am Ende des Albums "Der Schatz Rackhams des Roten" ist, wenn der Kapitän zusätzlich zum Schatz das komplette Schloß Mülheim bekommt! Ein idealer Ort, um ein Familie zu gründen, wo sich alle immer wieder treffen können. Dieses Album stellt einen großen Wandel im Leben von Tim dar, der bis jetzt familien- und auch geldlos war. Tim zieht dann richtig in Haddock's Schloß Mühlheim um, und beide können mit dem ganzen Geld sorglos leben. Man bekommt den Eindruck, daß Hergé eine unerfüllte Kindheit hatte, und er immer auf der Suche nach dem war, was Tim endlich bekommen konnte: eine Familie und ein wenig Luxus. Dabei spielt Kapitän Haddock die Rolle eines Vaters.

Die Abenteuer von Tim mit dem Kapitän nehmen bald eine andere Richtung: Es werden keine Schwerverbrecher mehr gejagt, sondern oft müssen gesellschaftliche und familiere Probleme gelöst werden: Professor Bienlein wird öfter entführt, in "Im Reich des Schwarzen Goldes" wird Abdallah entführt, in "Tim in Tibet" wird nach Tchang gesucht und in "Die Juwelen der Sängerin" sollen Haddock und die Sängerin näher zusammen kommen...

Haddock ist im Gegensatz zu Tim gefühlvoll: Er reagiert spontan auf traurige und glückliche Situationen. Seine Wut lässt er schnell raus, indem er die Leute mit lautem Geschrei verjagt. Die Schimpfwörter von Kapitän Haddock sind weltberühmt. (In einem Buch von Albert Algoud Le Haddock Illustré befindet sich die gesamte Kollektion der Schimpfwörter mit Erläuterungen) Seit dem Erscheinen von Haddock vergeht keine Minute, ohne dass eine komische Situation passiert: Der Kapitän ist extrem ungeschickt und nicht selten müssen andere mit ihm darunter leiden...

Der Kapitän entwickelt sich ab jetzt sehr positiv. Er wird zu einem verantwortlichen Mann und fängt an, seinem Alter gerecht  zu leben: Er versucht das Leben zu genießen, raucht und trinkt nicht mehr wie ein Kranker, sondern wie ein nobler Mann, er mag spazieren gehen (sogar reiten wird er probieren). Später verliert er die Lust, an Tim's Abenteuern teilzunehmen: Er wird träge und der Leser bekommt den Eindruck, dass er tatsächlich veraltet!

Wussten Sie, dass Haddock nur in 15 von 23 “Tim und Struppi”-Alben erscheint, und dass sein Spruch “Hunderttausend Höllenhunde” eine Art Visitenkarte ist?

Diese Szene aus “Der Fall Bienlein” zeigt genau, was Hergé aus Haddock machen will: einen hoch explosiven Pechvogel... Man beachte sein komplettes Sortiment an Reiseutensilien!!!

Haddock

©2000 by s.renault, Berlin, Germany.

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