Hergé, europäischer Comic-Pionier

Was wäre Hergé ohne seinen Tim? Was wäre Tim ohne Hergé? Das eine kann ohne das andere nicht sein. Eine Studie von Tim’s Abenteuern erzwingt eine Analyse des Leben von Hergé: Er hat dazu einmal gesagt: “Tim, das bin ich”.

Der Zeichner benutzte sehr frühzeitig - für die Realisierung seiner Werke - einen damals einzigartigen Zeichenstil: die klare Linie.

Was bedeutet das? Beobachtet man die Zeichnungen von Hergé, dann stellt man schnell fest, dass jedes Objekt oder farbiges Teilobjekt mit einer klaren Linie umrandet ist. Hergé hatte zwar für die Erstentwürfe eine ziemlich nervöse Handbewegung, die unpräsize Striche sollten aber anschliessend durch angenehme, harmonische Linien ersetzt werden. Jede Fläche bekommt dafür eine homogene Farbe zugeordnet, wodurch die Bilder keine Merkmale der dritten Dimension besitzen. Beobachtet man Werke anderer Comiczeichner, dann erkennt man bei ihnen ein enges Zusammenspiel von Licht, Schatten und Reflexionen, was bei Hergé nicht der Fall ist.

Dieser Stil zwingt den Zeichner, seine Bilder auf das Wesentliche zu reduzieren. Es muss also genau studiert werden, wie es möglich ist, durch ein “paar” Striche eine Handlung zu beschreiben. Schwierig wird es dann, wenn Bewegung ins Spiel kommen oder die Personen Emotionen wiedergeben sollen. Auch Lärm darzustellen stellt eine Herausforderung. Hergé zaubert alles mit Eleganz (siehe Vignette rechts aus “Der Geheimnisvolle Stern”, Seite 7).

Die klare Linie: Wunsch nach dem Wesentlichen!

Wie das Cover von “Hergé” (ein Buch von Pierre Assouline, Verlag folio, 1996) gut zeigt, wird Tim mit einigen Linien zum Leben erweckt: Tim als Selbstdarstellung von Hergé?

Wussten Sie, dass Hergé in den fünfziger Jahren seine endgültige Zeichentechnik entwickelte, die Strenge und Freiheit vereinigt, als er dabei war, eine kleine Gruppe von Helfern zusammen zu stellen?

Ein merkwürdiges Merkmal, dass ich bis jetzt in keinerlei Literatur über Hergé nachgelesen habe, erkennt der gute Beobachter auf Tim's Kopf: Der Übergang seiner Haare zu seinem Gesicht wird durch keine begrenzende schwarze Linie unterbrochen. Dieses Merkmal findet sich nirgendwo anders!

Auf dieser Vignette erkennt man gleichzeitig 5 wichtige Eigenschaften von Hergé’s Zeichenstil: die Schallwörter (hier: franz. PAN also PENG), die Luftvibrationen (die ~~~), die Fragenzeichen oder sonstige Zeichen (wie z.B. ?!%#...), die Schweisstropfen (immer an den Gesichtern) und zum Schluss die Bewegungen (kleine Striche für Objekt- und Körperzittern und Spiralen).  Das Bild lebt!!!

Natürlich wurden die Geschichten nicht direkt in endgültiger Form gezeichnet! Wie ein Kinofilm wurden die Szenen einzeln unter die Lupe genommen. Die Handlungen wurden analysiert, Bildmaterial, Archive und reale Aufnahmen wurden zu den diversen Themen gesammelt usw. Hergé wollte, dass seine Geschichten so weit wie möglich realitätsnah erscheinen. So war es auch nicht ungewöhnlich, dass Hergé auf Reisen Zeichnungen machte und versuchte, die Kulturen anderer Völker zu studieren, auf der Suche nach neuen Abenteuern von Tim und Struppi, weit weg vom Schloß Mühlhof. Dabei entstanden also noch lange vor dem endgültigen Malen der Alben eine große Menge an Material.

Die Vignetten (ein einzelnes, umrandetes Comicbild) wurden dann grob gezeichnet, verfeinert und nochmal korrigiert. Stimmte alles, wurden diese “Schmierzeichnungen” (siehe Bild unten) in ihre endgültige Form gebracht. Dabei wurden die Zeichnungen auf eine transparente Folie übertragen, aber nur die klaren Linien! Letztendlich wurden die komplett fertigen Seiten noch mit Farbe versehen.

Als Hergé ein Team von Zeichnern auf die Beine stellte, wurde die Arbeit aufgeteilt, so dass er mehr Zeit in die Handlung seiner Comic-Personen und in die Details investieren konnte. Die Alben wurden mit der Zeit immer komplexer. Nicht selten brauchte ein Album mehrere Jahre, um zu erscheinen! Die letzten Arbeitschritte (die klare Linie und das Colorieren) wurden nun nicht mehr von Hergé selbst ausgeführt. Sein Personal war vorzüglich von ihm eingewiesen worden und erledigte gute Arbeit

Für die große Produktion der Alben wurde sehr schnell auf effektive Druckerei-Techniken zurückgegriffen (Bild rechts). Die fertigen, bunten Seiten werden vervielfacht, geordnet, gebunden und in Albenform gebracht. Diese werden gestapelt, eingepackt und geliefert. Irgendwann stehen die Alben in einem Geschäft, irgendwo auf der Welt. Was dann passiert ist jedem klar...
Die Alben landen in unseren Regalen!

Arbeitschritte

Die Nachfrage nach Tim und Struppi Alben wächst: Die Technik muss folgen. Seit 1930 werden weltweit im durchschnitt 1 Album jede 17. Sekunde verkauft. Leider gehen die Verkaufszahlen seit den 90er Jahren zurück.

Nicht selten wurden die Skizzen nicht 1:1 in die Vignetten übertragen: Sprechblasen, perspektivische Korrekturen, Größenverhältnisse mussten an die Vignette angepasst werden. Das Resultat kann sich sehen lassen: Perfektion!

Style

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